Kostensenkung allein ist kein Grund für Offshoring
A.T. Kearney veröffentlicht Offshoring Index: sechs europäische Länder und EU-Beitrittskandidaten unter den Top-25

Zürich, 23. April 2004
Kostenersparnis allein ist kein Grund für das Auslagern von Unternehmensprozessen ins Ausland. Zu diesem Ergebnis kommt der Offshore Location Attractiveness Index (OLAI), den die Top-Managementberatung A.T. Kearney aktuell vorgelegt hat. Der OLAI untersucht, welche Zielländer sich für das Offshoring empfehlen. Dabei werden neben den zu erwartenden Kostensenkungen auch das wirtschaftliche und politische Umfeld sowie die Qualifikation der verfügbaren Arbeitskräfte betrachtet: Neben Billiglohnländern wie Indien und China listet der Index auch Spanien, Portugal und Irland sowie die EU-Beitrittskandidaten Tschechische Republik, Polen und Ungarn als attraktive Zielländer. Für die Industrienationen sind nach Meinung der Wirtschaftsexperten vor diesem Hintergrund gezielte Investitionen in Ausbildung, Forschung und Innovation dringend erforderlich.
Weltweiter Wettbewerb und globaler Kostendruck zwingen immer mehr Firmen zur Auslagerung von Unternehmensleistungen an günstigere Standorte ausser Landes. „Dieser Trend zum so genannten Offshoring wird auch in den kommenden Jahren bestehen bleiben“, betont Manfred Tuerks, Sprecher der A.T. Kearney International AG, Schweiz. „Dennoch ist Offshoring kein Allheilmittel gegen den allgemeinen Kostendruck: Die Entscheidung, Unternehmensprozesse ausser Landes auszulagern, erfordert die genaue Kenntnis der Kostensituation, der ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen sowie der Qualifikation der verfügbaren Arbeitskräfte des Ziellandes. Hier zeigt sich bei vielen Unternehmen noch erheblicher Nachholbedarf.“
Ausgewogene Mischung gesucht
Der Offshore Location Attractiveness Index (OLAI) bewertet die betrachteten Länder in drei verschiedenen Kategorien: Kosten, Umfeld und Arbeitsmarkt. Dabei tragen die Kosten mit 40 Prozent zum Gesamtergebnis bei und die beiden anderen Kategorien zu je 30 Prozent. Erst die richtige Mischung aus allen drei Kategorien macht ein Land zu einem attraktiven Offshoring-Ziel. So bieten beispielsweise Singapur, Irland und Kanada Unternehmen die attraktivsten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Bei der Qualifikation der Arbeitskräfte rangieren Kanada, Australien und Irland auf den vorderen Plätzen. „Klassenbester“ in Hinblick auf die verfügbaren Arbeitskräfte ist allerdings Indien, das auch die niedrigsten Kosten bietet und in Summe – wie bereits im Vorjahr – das attraktivste Offshoring Zielland ist.
Dennoch zeigt der aktuelle OLAI auch, dass Indien nicht konkurrenzlos ist. So konnte sich beispielsweise China vom elften Platz im vorigen Jahr auf Platz Zwei verbessern: Auch hier entscheidet nicht allein die Kostensituation, die etwa auf den Philippinen sehr viel günstiger ist als in China. Die Volksrepublik bietet dafür ein besseres wirtschaftliches Umfeld und überdurchschnittlich qualifizierte Arbeitskräfte.
Kosten entscheiden nicht allein
Zu den 25 attraktivsten Offshoring-Zielen zählt der OLAI auch sechs europäische Länder. Neben den EU-Mitgliedsstaaten Irland (Platz 23), Spanien (22) und Portugal (19) sind dies die EU-Neuzugänge Ungarn (11), Polen (10) und die Tschechische Republik, die sich mit Malaysia den dritten Platz teilt. „Insgesamt zeigt sich, dass Unternehmen Offshoring-Entscheidungen immer differenzierter treffen“, urteilt Tuerks. „So holten beispielsweise der Computer-Hersteller Dell und der US-Finanzdienstleister Lehman Brothers Call Center zurück in die USA, weil sie mit der ‚offshore’ gebotenen Qualität nicht zufrieden waren, während drei indische Offshoring-Anbieter in Kanada aktiv geworden sind, um nah am US-amerikanischen Markt zu sein.“
Dennoch richten viele Unternehmen ihre Offshoring-Entscheidungen noch immer allein an der Kostenfrage aus. In einer Branchen übergreifenden Umfrage hat A.T. Kearney Unternehmen nach den tatsächlichen Zielländern bereits bestehender Offshoring-Projekte befragte: 67 Prozent aller befragten Unternehmen haben bereits Initiativen in Indien aufgesetzt – gefolgt von China (35%), Mexiko (23%) und Brasilien (20%).
Herausforderung Offshoring
Längst geht es beim Offshoring nicht mehr nur um einfache Prozesse aus Fertigung und Verwaltung. Immer häufiger werden auch Aufgaben, die bessere Produktivität, höhere Service-Qualität und technische Fähigkeiten erfordern, in andere Länder verlagert. „Dies sind die Bereiche, die die Länder der ersten Welt gern zu ihren ureigenen Kernkompetenzen zählen“, erläutert Tuerks. „OECD-Studien zeigen jedoch, dass Studenten in Indien, Tschechien oder Irland oft besser abschneiden als ihre Kommilitonen in den Industrienationen.“
Entschlossenes Handeln dringend geboten
„Hier offenbart sich die wahre Herausforderung des Offshoring“, so Manfred Tuerks: „Die Industrieländer müssen dafür sorgen, dass Qualifikation und Ausbildung im Land ihren Vorsprung vor den Offshoring-Zielländern behalten. Hier ist entschlossenes Handeln dringend geboten. Protektionistische Massnahmen greifen zu kurz und haben in der globalen Wirtschaft keinen Effekt. Stattdessen sind gezielte Investitionen in Ausbildung, Forschung und Innovation dringend erforderlich.“
Anhang: Offshore Location Attractiveness Index (OLAI) 2004
| 1.
| Indien | 7,12 | | 2. | China | 5,61 | | 3.
| Malaysia | 5,59 | | 4.
| Tschechische Republik | 5,58 | | 5.
| Singapur | 5,46 | | 6.
| Philippinen | 5,45 | | 7.
| Brasilien | 5,44 | | 8.
| Kanada | 5,42 | | 9.
| Chile | 5,37 | | 10.
| Polen | 5,33 | | 11.
| Ungarn | 5,29 | | 12.
| Neuseeland | 5,21 | | 13.
| Thailand | 5,20 | | 14.
| Mexiko | 5,12 | | 15.
| Argentinien | 5,07 | | 16.
| Costa Rica | 5,06 | | 17.
| Südafrika | 4,98 | | 18.
| Australien | 4,82 | | 19.
| Portugal | 4,71 | | 20.
| Vietnam | 4,70 | | 21.
| Russland | 4,65 | | 22.
| Spanien | 4,55 | | 23.
| Irland | 4,49 | | 24.
| Israel | 4,46 | | 25.
| Türkei | 4,44 |
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