Europäischer Paketmarkt steht vor Umbruch, Schweiz ist Schlusslicht beim Wachstum

Zürich, 01. Juli 2008
Nach mehreren Jahren starken Wachstums auf dem europäischen Markt für Kurier-, Express- und Paketdienstleistungen (KEP) prognostiziert eine aktuelle Studie der Managementberatung A.T. Kearney in den kommenden Jahren rückläufige Zahlen: Das Wachstum im internationalen Pakettransport dürfte von heute 8,6 bis 2010 auf 6,6 Prozent pro Jahr zurückgehen. Wachstumsimpulse durch den zunehmenden Internethandel werden vom Preisdruck als Folge des steigenden Ölpreises überlagert. Der hohe Ölpreis führt zu einer Verlagerung von Transportströmen.
„Im Jahr 2007 wurden in Europa insgesamt 4,8 Milliarden netzwerkfähige Paket- und Expresssendungen verschickt und damit ein Umsatz von 42,7 Milliarden Euro erzielt. Dies entspricht etwa fünf Prozent des gesamten europäischen Logistikmarkts, der als ein zentrales Wachstumssegment der Europäischen Wirtschaft gilt“, sagt Ferdinand Salehi, Partner und Leiter des Bereichs
Travel & Transportation bei A.T. Kearney: „In den Jahren 2004 bis 2007 wurde ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 5,7 Prozent erzielt. Dabei war das Umsatzwachstum der internationalen Märkte – begünstigt durch die Globalisierung – mit 8,6 Prozent im Durchschnitt fast doppelt so hoch wie das der nationalen Märkte mit 4,6 Prozent.“
Innerhalb Europas war das Marktwachstum sehr verschieden. Die osteuropäischen Wachstumsmärkte wie Polen und Tschechien erzielten in den letzten beiden Jahren auch im KEP-Markt ein hohes Wachstum von 15 bis 25 Prozent. Neben der starken wirtschaftlichen Entwicklung ist dies vor allem auf strukturelle Effekte wie das Outsourcing von Werksverkehren zurückzuführen. In den gesättigten westeuropäischen Märkten wie Frankreich, Grossbritannien oder Deutschland fielen die Umsatzsteigerungen 2006 und 2007 mit 4 bis 6 Prozent dagegen deutlich moderater aus. Europaweit das Schlusslicht bildet die Schweiz, die als Folge der geringen Ausweitung der Wirtschaft in den letzten beiden Jahren kein Wachstum verzeichnet hat.
Deutliche Verlangsamung bis 2010
„Ausser im nationalen Standardversand ist in den kommenden Jahren in allen Marktsegmenten von einem spürbaren Rückgang der Umsatzsteigerung auszugehen“, so Dr. Daniel F. Oriesek, Leiter A.T. Kearney Schweiz: „Betroffen ist vor allem die Expressbranche, deren bisheriger Wachstumsmotor, der „Internationale Versand“, sich künftig abschwächen wird.“ Entsprechend dürfte das Wachstum im internationalen Pakettransport bis 2010 auf 6,6 Prozent pro Jahr zurückgehen. Überdies ist mit einer deutlichen Preiserosion zu rechnen, da es für die KEP-Dienstleister bei gefallenen europäischen Grenzen schwer sein wird, bei gleicher Distanz international und national stark unterschiedliche Preise aufrecht zu erhalten.
Für die Zukunft prognostizieren die A.T. Kearney-Experten vier wesentliche Treiber, mit denen wesentliche strukturelle Veränderungen des KEP-Marktes einhergehen werden: Zunächst wird der stark zunehmende Internethandel (eCommerce) weiterhin den wichtigsten Wachstumstreiber darstellen. Zweitens stehen Anbieter in der Expresssparte unter einem steigenden Differenzierungsdruck, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Den dritten Faktor bildet der im Zuge des Zusammenwachsens des europäischen Wirtschaftsraums feststellbare Übergang von nationalen zu international vernetzten Angeboten. Und viertens schliesslich lässt sich vor allem in reiferen Branchen ein Trend zu geschlossenen Versorgungsketten beobachten, die für die KEP-Anbieter nicht mehr zugänglich sind.
Auswirkungen des hohen Ölpreises auf die weltweite Transportindustrie
Der starke Anstieg des Ölpreises wird kurz- und mittelfristig zu einer Verlagerung von Transportströmen führen. Innerhalb Europas profitieren Dienstleister, die auf ein gutes Strassennetz bauen können, da dort die Treibstoffkosten deutlich weniger ins Gewicht fallen als im Luftverkehr. Von dieser Entwicklung wird der LKW-Verkehr zwischen der Schweiz und den Produktionsstätten und Verbrauchermärkten im Osten deutlich profitieren. Auch die Bahn wird stärker eingesetzt, kann jedoch bezüglich Flexibilität und Service mit dem LKW nicht Schritt halten.
Für sehr zeitkritische Güter wie Expresspakete oder Ersatzteile sowie feuchtigkeitsempfindliche, hochwertige Güter wird es zwar auch in Zukunft keine Alternative zum Luftverkehr geben. Bei weiter steigenden Treibstoffkosten könnten jedoch weniger zeitkritische Waren von Luft- auf Seefracht verlagert werden. So haben Textilien einen Anteil von immerhin etwa 13 Prozent an der gesamten Luftfracht von Asien nach Europa und etwa 20 Prozent von Asien in die USA. Bei zeitkritischen und preissensitiven Produkten könnte eine Standortverlagerung unabdingbar werden, da die Treibstoffkosten bis zu 50 Prozent der Herstellkosten betragen können.
KEP-Zukunft ist gespickt mit Herausforderungen
„Die europäischen KEP-Anbieter bewegen sich derzeit in einem extrem dynamischen Marktumfeld“, so Salehi: „Sie werden sich nicht mehr länger auf den stabilen Wachstumsraten der letzten Jahre ausruhen können – zu gross wird der Preisdruck. Sich diesem mit striktem Kostenmanagement zu stellen und parallel die eigene Marktpositionierung und das Angebotsprofil zu schärfen, wird zur zentralen strategischen Aufgabe der europäischen KEP-Anbieter.“ |